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Akkordeonhersteller in Europa

Die Übersicht konzentriert sich auf bekannte Hersteller klassischer Akkordeons. Marken, die überwiegend Harmonikas und Akkordeons für die Volks‑ und Unter­haltungs­musik fertigen (etwa Zupan, Alpengold, Jamnik, Öllerer oder Saltarelle), sind nicht berücksichtigt, da diese Instrumente eigenen ästhetischen und klanglichen Prinzipien folgen. Ebenfalls nicht einbezogen sind kleine Werkstätten und Vertriebsmarken. Eine Auflistung sämtlicher Hersteller ist kaum möglich, da sich der Markt kontinuierlich wandelt.

Italien

Castelfidardo

Die Stadt Castelfidardo in der Provinz Ancona gilt seit der Gründung der ersten Akkordeonfabrik 1863 durch Paolo Soprani als Zentrum des weltweiten Akkordeonbaus. 1924 existierten in Europa 232 Betriebe, davon allein 93 in Italien und überwiegend in Castelfidardo. Die Zahl der heute aktiven Hersteller schwankt zwischen 30 und 50, je nachdem ob Reparatur- und Zulieferbetriebe mitgezählt werden. Alle hier genannten – zum Teil altehrwürdige – Marken, stehen für höchste Qualität und guten Klang.

Pigini

Pigini gilt als unerreichter Maßstab des zeitgenössischen Akkordeonbaus und wird weltweit von Solistinnen und Solisten bevorzugt. Spitzenmodelle wie Sirius und Nòva (in der Tradition des Modells Mythos) haben klangliche und technische Maßstäbe gesetzt. Das 1946 von Filippo Pigini gegründete Unternehmen produziert heute mehr als 200 Modelle und liefert in 42 Länder. Identitäts­merkmal ist die vollständig im eigenen Werk gefertigte Convertermechanik.

Weitere bekannte Marken

Ballone Burini Fisitalia Scandalli
Beltuna Fismen Siwa & Figli
Borsini Giustozzi Tiranti
Brandoni Mengascini Victoria
Bugari Ottavianelli Vignoni
Cantonelli Paolo Soprani Zero Sette
Dino Baffetti Piatanesi
Excelsior Piermaria

Stradella → Mariano Dallapè & Figlio

Die 1876 von Mariano Dallapè in Stradella in der Lombardei gegründete Firma Fabbrica armoniche Mariano Dallapè & Figlio war einst eine der größten und renommiertesten der Branche. 2010 stellte sie ihre Produktion ein. Der japanische Hersteller elek­tronischer Musikinstrumente Roland übernahm die Marke und überführte mithilfe moderner Sampling-Technologie den Klang aller Modelle in seine digitalen V‑Accordions: vom Prototyp von 1871 über die legendäre Liturgica von 1942, ein Geschenk Giuseppe Dallapès an Papst Pius XII. , bis zum letzten Instrument 2010. So wurde eine spielbare „Anthologie" der Marke geschaffen.

Vercelli → Cooperfisa

Die Genossenschaft wurde im Jahr 1921 in Vercelli im Piemont unter dem Namen Cooperativa Armoniche von ehemaligen Facharbeitern anderer Harmonika­betriebe gegründet. Schon früh spezialisierte sie sich auf den Akkordeonbau und insbesondere auf die Entwicklung des Musette-Klangs. Die Branchenkrise der 1960er Jahre überlebte sie knapp, doch brachte 1981 ein Zusammenschluss erfahrener Meister mit jungen Absolventen von Berufsschulen neue Impulse und einen neuen Namen: Cooperfisa. Bis heute werden die handgebauten Instru­mente der Genossenschaft für ihre charakteristische Klangästhetik und sorg­fältige Verarbeitung geschätzt.

Deutschland

Klingenthal → Weltmeister

Seit 1852 entwickelte sich Klingenthal im Vogtland – neben Castelfidardo und Trossingen – zu einem bedeutenden Zentrum des Akkordeonbaus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Betriebe enteignet und im VEB Klingenthaler Harmonika­werke zusammengeführt. Ihm wurden nach und nach immer mehr Manufakturen angeschlossen. Die Marke Weltmeister war offizielle Leitmarke des neuen Großbetriebs. Modelle wie Weltmeister Stella, Supita, Saphir oder Rubin wurden weltweit exportiert, insbesondere in die Länder des ehemaligen Ostblocks. Nach der Wiedervereinigung entstand aus Teilen des VEB die Harmona Akkordeon GmbH, die die Marke Weltmeister weiterführte. 2015 musste sie Insolvenz anmelden. Ein Neustart als Weltmeister-Akkordeon-Manufaktur scheiterte 2024 erneut.

Trossingen → Hohner

1857 in Trossingen im Südwesten Baden-Württembergs gegründet, firmierte das Unternehmen von 1909 bis 2016 als Matthias Hohner AG. Bis zum Tod des Gründers 1903 fertigte es Mundharmonikas, erst danach begannen die Erben mit der Produktion von Handharmonikas. 1939 zählte die Firma mit zeitweise 5000 Beschäftigten zu den Hauptakteuren des Akkordeonbaus in Deutschland. Weltruhm erlangten die Solistenmodelle Morino und Gola. Der globale Struktur­wandel der Musikinstrumentenindustrie in den 1980er Jahren führte auch bei Hohner zu einem deutlichen Nachfragerückgang. 1997 ging die AG an die taiwanesische KHS Group über. Seither entstehen ein Teil der Instrumente und viele Komponenten in China, während in Trossingen nur ein kleiner Mitarbeiter­stamm verblieb. Dennoch ist die heutige *Hohner Musikinstrumente GmbH *nach wie vor die zentrale Entwicklungsstätte für Premiuminstrumente.

Frankreich

Lyon (Béligneux) → Cavagnolo

Die Marke wurde 1904 von Domenico Cavagnolo im piemontesischen Vercelli gegründet. Angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage in Italien verlegte er die Akkordeonmanufaktur 1923 in die Region Lyon in Frankreich, wo sie bis heute ansässig ist. Cavagnolo spezialisierte sich auf chromatische Knopfakkordeons und prägte maßgeblich die französische Musette‑Tradition. Große Stimmen des französischen Chansons, darunter Yves Montand, Charles Trenet, Édith Piaf, Jacques Brel und Juliette Gréco, wurden von Cavagnolo-Akkordeons begleitet. Heute zählt die Entwicklung digitaler Akkordeons zu den Schwerpunkten des Unternehmens.

Tulle → Maugein

1919 in Tulle im Département Corrèze von Jean Maugein gegründet und ab 1922 gemeinsam mit seinen Brüdern Antoine und Robert unter dem Namen Maugein Frères geführt, entwickelte sich die Manufaktur rasch zum führenden französischen Hersteller. Wegweisend war die frühe Serienfertigung chroma­tischer Akkordeons, damals eine noch junge Technologie. In den 1930er Jahren erreichte das Unternehmen seine Blütezeit. Nach mehreren Generationen familiengeführter Produktion geriet es ab den 1970er Jahren unter Druck. Trotz Sanierungsversuchen beantragte es 2024 die Insolvenz. Anfang 2025 gelang durch eine Mitarbeiterinitiative ein Neustart. Maugeins Spezialität waren und sind Musette‑Akkordeons, ergänzt um hochwertige diatonische Instrumente.

Orval → Gadji

Der Jazz-Akkordeonist Marcel Loeffler suchte ein Instrument mit einer speziell für ihn entwickelten Tastatur für die linke Hand. Um diesen Wunsch zu realisieren, gründete die Akkordeonistin, Stimmerin und Reparateurin Stéphanie Simon 2010 in Orval im Département Cher die Marke Gadji. Ihre Modelle werden mittlerweile von namhaften Akkordeonisten gespielt, insbesondere in den Bereichen Weltmusik und Jazz.

Tschechien

Hořovice → Delicia

Die Marke Delicia existiert seit 1963 in Mittelböhmen. Einen besonderen Ruf erwarb sich die Firma mit ihrem Spitzenmodell Dina(s. Instrument Delicia Dina in der Ausstellung). Der Schwerpunkt liegt jedoch bis heute auf Instrumenten für den pädagogischen Einsatz: Sie sind im osteuropäischen Raum weit verbreitet.

Ukraine

Schytomyr → Musikinstrumentenfabrik Schytomyr

Die Akkordeonproduktion in Schytomyr entstand 1936 aus einem Holzbearbeitungsbetrieb, der im Zuge der sowjetischen Industrialisierung zur Fabrik ausgebaut wurde. Die frühen Modelle orientierten sich an Instrumenten aus Tula, dem traditionsreichen Zentrum des russischen Bajan- und Harmonika­baus.1 Nach der vollständigen Zerstörung durch deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg nahm das Werk 1944 den Betrieb wieder auf. In den 1970er Jahren fertigten dort ca. 1.200 Beschäftigte monatlich bis zu 1.000 Bajans und bis zu 400 Harmonikas.2 Stolz der Werkmeister war das fertig konfigurierbare 5-reihige Bajan „Ukraine", ein Höhepunkt in der Entwicklung des einheimischen Handbalginstrumentenbaus.3 Nach der Unabhängigkeitserklärung 1991 mehrfach umstrukturiert und ab 2012 weitgehend stillgelegt, konzentrierte sich das Werk zuletzt auf Reparaturen. Inzwischen scheint die Produktion – trotz des russischen Angriffskrieges – wieder aufgenommen worden zu sein.4

Russland

Tula → Tula Garmon

Tula in Zentralrussland gilt seit 1830 als Geburtsort des russischen Akkordeon­baus. 1930 entstand die Fabrik Tula Garmon, die heute zu den führenden Herstellern von Akkordeons in Russland, Belarus und Kasachstan zählt.

Moskau → Jupiter

Die Marke Jupiter entstand in Verbindung mit der gleichnamigen traditions­reichen Fabrik in Tula, das lange Zeit Zentrum des russischen Bajanbaus war; seit 1994 wird in Moskau produziert. Jupiter‑Instrumente prägen das Repertoire für Konzertbajan durch große dynamische Bandbreite, markanten Bass und eine charakteristische dunkle Klangfarbe. Viele Bajan-Solisten spielen Jupiter.

Woronesch → Akko

Die 1991 gegründete Firma Akko, rund 500 km südöstlich von Moskau gelegen, ist in Westeuropa kaum bekannt. Ihr Name taucht vor allem bei Konzerten russischer und osteuropäischer Solisten auf. In Hochschulen mit ausgeprägter Bajan‑Tradition gilt Akko als feste Größe. Viele professionelle Bajanisten wählen die Marke als Alternative zu Jupiter.

Belarus

Molodetschno (Minsk) → Zonta

Zonta, etwa 70 km nordwestlich von Minsk ansässig, hat sich seit seiner Gründung 2006 zu einem der wichtigsten Hersteller hochwertiger chromatischer Bajans entwickelt. Die Firma produziert weitgehend in Handarbeit und arbeitet eng mit professionellen Bajan-Solisten zusammen.

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  1. Reznik, Olena Sergyivna: Harmonic-bayan instrumentation of Zhytomyr factory of musical instruments. In: European Journal of Art, 2019, no. 3, S. 32-36 [https://cyberleninka.ru/article/n/harmonic-bayan-instrumentation-of-zhytomyr-factory-of-musical-instruments/viewer] (abgerufen am 5. Februar 2026) 

  2. Musikinstrumentenfabik in Schytomyr https://ru.wikipedia.org/wiki/Житомирская_фабрика_музыкальных_инструментов (abgerufen am 5. Februar 2026) 

  3. Gouverneur Ryzhuk möchte die Schytomyrer Musikfabrik wiederbeleben, die sich auf Akkordeons spezialisiert hatte. Auf: Schytomyr.info, 19. März 2012 [https://www.zhitomir.info/news_105143.html] (abgerufen am 5. Februar 2026) 

  4. Homepage der Zhitomirskaya muzykalnaya fabrika, OOO [https://muzfabrika.all.biz/uk/] (abgerufen am 5. Februar 2026)