Klangerzeugung
Das Prinzip der durchschlagenden Zunge
Durch Öffnen oder Schließen des Balgs wird Luft in das Innere des Akkordeons geleitet. Diese versetzt dünne, elastische Metallstreifen, die sogenannten Stimmzungen in Schwingung und erzeugt so die Töne. Dieses Prinzip der durchschlagenden Zunge ist uralt: In China ist es mit der Mundorgel Sheng bereits vor 3000 Jahren belegt. In Europa stieß es erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf Interesse und löste eine Erfindungswelle von Instrumenten mit durchschlagenden Zungen aus, einschließlich des Akkordeons.
Durchschlagende Zungen werden auch als freischwingende Zungen (engl. free reeds) bezeichnet.
Wie eine Stimmzunge funktioniert1
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Die Stimmzunge ist an einem Ende befestigt und liegt nahezu bündig über einer Öffnung auf der sogenannten Stimmplatte.
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Ohne Luftstrom bleibt sie in dieser Position und deckt die Öffnung fast vollständig ab.
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Wird der Balg geöffnet oder geschlossen, strömt Luft durch das Instrument. Dabei entsteht am Spalt zwischen Zunge und Öffnung ein Unterdruck (Bernoulli-Effekt), der die Zunge in die Öffnung hineinzieht, d.h. sie schwingt durch die Öffnung hindurch.
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Sobald der Luftstrom nachlässt, schnellt die Zunge durch ihre eigene Elastizität wieder zurück und verschließt die Öffnung wieder.
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Dieser Vorgang wiederholt sich extrem oft pro Sekunde: Luftdruck → Durchbiegen → Entlastung → Rückkehr → erneuter Druck ... Der Luftstrom wird dabei periodisch unterbrochen, es entstehen Luftdruckschwankungen, die wir als Schallwellen wahrnehmen.

(Zeichnung: Johann Pascher, 2006, GFDL, CC-BY-SA-2.5)
Grundsätzlich hängt die Tonhöhe von der Länge der Zunge ab. Eine längere Zunge klingt tiefer, eine kürzere höher. Tiefe Töne werden meistens am schwingenden Ende zusätzlich mit Gewichten versehen, um die gewünschte Frequenz zu erreichen.
Der spezifische Klang eines Instruments entsteht nicht durch die Zunge selbst, sondern vor allem durch den Aufbau des Instruments. Deshalb klingt eine Mundharmonika anders als ein Akkordeon, obwohl beiden das gleiche Prinzip zugrunde liegt.
Entscheidend für die Klangqualität eines Instruments ist – neben seinem Aufbau – der Weg des Schalls durch das Instrument. Dabei spielen die Kanzellenform und -größe, Form und Größe des Tonlochs sowie die Bauweise und Materialien der Abstrahl- bzw. Klangdurchlassflächen eine bedeutende Rolle.
Stimmstöcke und Kanzellen
Bei fast allen Instrumenten sind die Stimmplatten auf Stimmstöcken montiert. Diese bestehen aus nebeneinanderliegenden Kanzellen. Das sind Räume, in welchedie durchschlagenden Zunge hineinschwingen.
Die Luftzufuhr zu den Stimmzungen und den Kanzellen wird über die Tasten bzw. Knöpfe des Akkordeons geregelt: Drückt man eine Taste bzw. einen Knopf des Akkordeons, gelangt über Ventilklappen Luft zu den jeweils zugeordneten Stimmzungen.
Cassotto
Ein Cassotto (ital. „Kästchen") ist ein separater Resonanzraum meist auf der Diskantseite im Korpus. Verfügt ein Akkordeon über ein Diskant-Cassotto, werden die Stimmzungen des 16′- und 8′-Registers (s. 16′ – 8′ – 4′: Orgelmaße für das Akkordeon) in solch ein Kästchen eingebaut. Es wirkt wie ein Filter: Frequenzen im höheren Tonbereich werden abgesenkt und tiefere verstärkt, was einen gedeckteren, weichen Klang erzeugt.
Zungenreihen (Chöre) und Register
Einen vollständigen chromatischen Satz Stimmzungen für beide Spielrichtungen bezeichnet man als Zungenreihe. Sie kann in normaler Lage, eine Oktave tiefer oder eine Oktave höher klingen. Viele Instrumente besitzen mehrere solcher Zungenreihen, die oft als Chöre bezeichnet werden. Je nach Anzahl spricht man von ein‑, zwei‑, drei‑, vier‑ oder fünfchörigen Instrumenten. Mehrere Zungenreihen lassen sich über Registerschalter einzeln oder kombiniert anwählen und erzeugen so unterschiedliche, oft charakteristische Klangfärbungen, die Register.
16′ – 8′ – 4′: Orgelmaße für das Akkordeon
Bei der Bezeichnung der Zungenreihen des Akkordeons orientiert man sich am Orgelbau. Dort wird die Tonlage der Pfeifen traditionell in der Maßeinheit Fuß angegeben: 8′ entspricht der Normaltonhöhe, 4′ klingt eine Oktave höher, 16′ eine Oktave tiefer. Zwar besitzen Stimmzungen keine entsprechende physische Länge, sie erklingen jedoch in den entsprechenden Tonhöhen. Daher spricht man beim Akkordeon von 16′‑, 8′‑ und 4′‑Registern.
Tremolo und Musette – der schwebende Klang
Ein in der populären Musik geschätzter Akkordeonklang ist das Tremolo bzw. die Musette-Stimmung. Tremolo entsteht durch zwei Zungenreihen der gleichen Lage, von denen meist eine leicht höher gestimmt ist (8º). Die Musette‑Stimmung nutzt meist drei Zungenreihen – das Tremolo plus eine leicht tiefer gestimmte Reihe (8ₒ) – und klingt voller. Je größer der Tonhöhenabstand zwischen den Zungen ist, umso schärfer wird der Klang empfunden. Dieser schwebende Klang prägt die französische Musette‑Tradition, findet sich aber auch in Volksmusik, Seemannsliedern und Schlagern. Beim Konzertakkordeon wird das Tremolo dagegen vermieden.
Die wichtigsten Register
Für die verschiedenen Register und Registerkombinationen werden grafische Symbole verwendet. Sie bestehen aus einem Kreis, der in drei Segmente unterteilt ist: hohe, mittlere, tiefe Lage. Ein Punkt im jeweiligen Segment zeigt an, welche Zungenreihen (Chöre) aktiviert sind. Diese Symbole werden sowohl auf Registerschaltern als auch in Akkordeonnoten verwendet.
Zu Marketingzwecken belegten die Hersteller des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts die Register oft mit Namen anderer Musikinstrumente. Weil ihre Akkordeons vielfach für den Export nach Amerika bestimmt waren, sind diese Bezeichnungen meistens auf Englisch.
Register bei einem Serieninstrument mit Schwebeton
| Tonlage | Fußlage | Registersymbol | Bez. der Hersteller |
|---|---|---|---|
| hohe Lage | 4‘ | ![]() |
Piccolo |
| mittlere Lage | 8‘ | ![]() |
Clarinet |
| tiefe Lage | 16‘ | ![]() |
Bassoon |
| mittlere + hohe Lage | 8‘ + 4‘ | ![]() |
Oboe |
| tiefe + mittlere Lage | 16‘ + 8‘ | ![]() |
Bandoneon |
| tiefe, mittlere + hohe Lage | 16‘ + 8‘ + 4‘ | ![]() |
Harmonium |
| tiefe + hohe Lage | 16‘ + 4‘ | ![]() |
Organ |
| 2 x mittlere Lage | 8‘ + 8° | ![]() |
Violin |
| 2 x mittlere + hohe Lage | 8‘ + 8° + 4‘ | ![]() |
Musette |
| tiefe + 2 x mittlere Lage | 16‘+ 8‘ + 8° | ![]() |
Accordion |
| alle Lagen | 16‘ + 8‘ + 8° +4‘ | ![]() |
Master |
Der physikalische Vorgang ist insgesamt komplexer als hier darstellbar. Detaillierte Informationen finden sich bei Richter, Gotthard: Handbuch für Musiker und Instrumentenbauer, Leipzig: Fachbuchverlag 1990, S. 156-161. ↩










